Einführung
Kuratorinnen: Isabel Dzierson (Dresden), Marianne Rigaud-Roy (Lyon), Sandra Sunier (Genf)
Gestaltung: Holzer Kobler Architekturen (Zürich / Berlin)
Plakatmotiv: Lars P. Krause
Gefördert durch
Das Gefängnis ist ein Ort, den viele von uns vor allem aus Filmen oder Serien kennen: Auf engstem Raum leben straffällig gewordene Männer oder Frauen zusammen, getrennt nur durch kahle Zellwände. Ihr Leben wird einerseits streng kontrolliert, gleichzeitig aber sind sie nicht selten Gewalt oder sexuellen Übergriffen durch ihre Mitgefangenen ausgesetzt.
Sieht die Welt hinter gepanzerten Türen wirklich so aus? Und wie stehen Sie selbst zum Gefängnis: Sorgt es für Gerechtigkeit, bietet es Schutz vor weiteren Verbrechen und können Haftanstalten tatsächlich ihr Ziel der Resozialisierung erfüllen? Oder braucht es dazu eine ganz andere Form des Strafvollzugs? Weil es das eine Gefängnis nicht gibt, hat das Deutsche Hygiene-Museum gemeinsam mit seinen Projektpartner*innen vom musée des Confluences in Lyon und vom Internationalen Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum in Genf nach grenzüberschreitenden Themen und Gemeinsamkeiten gesucht.
Mit Hilfe von Alltagsobjekten, historischen Zeugnissen, audiovisuellen Medien und Kunst „aus dem Gefängnis“ zeigen wir Ihnen, wie das Leben der Gefangenen in verschiedenen europäischen Ländern und in den USA heute aussieht.
Jede Gesellschaft muss Recht sprechen, um die soziale Ordnung aufrecht zu erhalten. Wie und mit welchen Mitteln sie das tut, hat sich jedoch über die Jahrhunderte geändert. Dabei sagt die Art der Bestrafung immer auch etwas über den Strafenden selbst aus – denn wir sind es, die strafen.
Alle Ausstellungstexte sind in Einfacher Sprache verfügbar in der App des Deutschen Hygiene-Museums.
Themen im Überblick
Die Ausstellungsräume
I. "Warum strafen?" und "Die Geburt des Gefängnisses"
Nach der Französischen Revolution begann auch die Revolution des Strafens: Aus Zuchthäusern, die als Besserungsanstalten für marginalisierte Menschen dienen sollten, entwickelten sich moderne Gefängnisse. In Westeuropa wurden viele Haftanstalten nach dem Vorbild eines von Jeremy Bentham im 19. Jahrhundert erdachten Panoptikums errichtet: Ein zentraler Turm innerhalb eines runden Gebäudekomplexes sollte die ständige Überwachung aller Inhaftierten ermöglichen. In der Gefängnisarchitektur lässt sich diese Idee teilweise bis heute nachverfolgen.
II. "Freiheitsentzug"
Das Gefängnis ist eine Welt mit eigenen Regeln und einer besonderen Machtstruktur. Insbesondere unter männlichen Gefangenen lässt sich eine strenge Hierarchie beobachten. Im spannungsreichen Verhältnis der Inhaftierten untereinander und zum Aufsichtspersonal liegt ein Konflikt- und Gewaltpotential begründet, das im zweiten Ausstellungsraum unter anderem in Form von selbstgebauten Waffen aus dem geschlossenen Vollzug dokumentiert wird. Aber auch der Umgang mit unterdrückter Sexualität wird in dieser Abteilung zum Thema. Und hinter all dem stellt sich die Frage: Welchen Einfluss hat die Haftzeit generell auf die psychische Gesundheit aller Beteiligten?
III. "Gefängnisalltag"
Die Zelle bietet wenig Platz für Individualität, dafür aber umso mehr Raum für einsame Gedanken. Fotografien aus europäischen Haftanstalten liefern intime Einblicke in diesen unfreiwilligen Rückzugsort. Alltagsobjekte, Schriftstücke und Kunstwerke zeigen, mit welcher Kreativität Gefangene dem Mangel an privaten Gegenständen, Abwechslung und Kontakten zur Außenwelt während ihrer Haftzeit begegnen.
IV. "Regelverletzungen"
Meuterei oder Hungerstreik, Selbstmordversuch oder Graffiti: Im vierten Raum werden individuelle und kollektive Formen des Widerstands gegen die Inhaftierung zum Thema. Während es Gefangene gibt, die die Regeln mit illegalen Geschäften durchbrechen, treibt der Entzug der Freiheit andere in die Verzweiflung, und manche verletzen sich selbst, um im Krankenhaus leichter entfliehen zu können. Auch wenn einige der in dieser Abteilung gezeigten Utensilien von Fluchtgedanken und -plänen erzählen – Ausbrüche aus dem Gefängnis kommen nur selten vor.
V. "Anders strafen?"
Erfüllt die Haft, wie wir sie kennen, ihren Zweck oder versprechen andere Formen der Bestrafung mehr Erfolg bei der Resozialisierung? Können vielleicht sogar Begegnungen zwischen Tätern und Opfern sinnvoll sein? Die letzte Abteilung zeigt Alternativen zum aktuellen Gefängnissystem auf und fragt die Besucher*innen nach ihrer persönlichen Meinung.
Knast-Post. Fragen ins Gefängnis
Ein Projekt in Kooperation mit der JVA Zeithain und der JVA Chemnitz
"Empfinden Sie die Strafe, die Sie bekommen haben, als gerecht?", "Hat die Zeit in Haft für Sie auch positive Seiten und wenn ja welche?", "Schauen Sie Gefängnisserien und wenn ja – was denken Sie darüber?": Fragen dieser Art beantworteten Inhaftierte auf KNASTPOST - dem Blog zur Ausstellung. Besucher:innen konnten ihre Fragen über eine Einwurfbox in der Ausstellung, via Social Media oder per E-Mail stellen. Insgesamt wurden während der Ausstellungslaufzeit rund 1.000 Fragen gestellt.
Im Rahmen des Projekts "Knastpost" fanden darüber hinaus auch öffentliche Führungen statt, bei denen Inhaftierte aus den JVAs Zeithain und Chemnitz im Anschluss an die Führung Fragen zu ihrem Alltag live via Skype beantworten.
Pressestimmen
Rundgang
Unsere Partner
musée des Confluences, Lyon (MDC)
In Lyon, wo sich Rhône und Saône vereinen, fließt in einem imposanten Glasbau auch das Wissen der Jahrhunderte und Kontinente zusammen: Neben der Erde, ihrem Ursprung und ihrer Geografie steht im musée des Confluences vor allem das Menschsein im Mittelpunkt. Die Dauerausstellungen des Museums widmen sich den Fragen „Wo kommen wir her?“ „Wer sind wir?“ und „Was machen wir?“. Die Ausstellung „Im Gefängnis“ (Prison, au-delà des murs) war hier bis Juni 2020 zu sehen.
Internationales Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum, Genf (MICR)
Emotionen, Entdeckungen, Denkanstöße: Das Internationale Rotkreuz- und Rothalbmondmuseum bietet in seiner Dauerausstellung faszinierende Einblicke in die humanitäre Arbeit. In seinen Sonderausstellungen greift das Museum, das dem Werk des Rotkreuz-Gründers Henry Dunant gewidmet ist, immer wieder aktuelle Gesellschaftsthemen auf. Die Ausstellung „Im Gefängnis“ feierte hier im Jahr 2019 ihre Premiere. Bis zum 31. Januar 2021 ist das partizipative Ausstellungsprojekt „COVID19 und Wir. Von Magnum-Photos und Ihnen“ zu sehen.