Ein weinroter Hintergrund. In einem weißem Kreis steht in der gelichen Farbe des Hintergrunds in Großbuchstaben "Das Gesicht des Anderen / der Anderen".

Abstracts der Referent*innen

Susanne Holschbach

Der Alterisierung begegnen: Fotografische Porträts im Kontext der „Flüchtlingskrise“

Das fotografische Porträt teilt sich historisch in die Selbstrepräsentation und die Abbildung der Anderen. Standen im 19. Jahrhundert der nobilitierenden Darstellung des Bürgertums die Fotografien-Wider-Willen der Devianten, der Kranken, der Kolonisierten gegenüber, äußert sich die Alterisierung heute beispielsweise im Exotismus oder der „Opferfotografie“, die eine hierarchisierende Unterscheidung zwischen „Uns“ und „den Anderen “verfestigt und perpetuiert. Ein aktuelles Beispiel sind Darstellungen von Geflüchteten als Hilfsbedürftige, die zwar kurzfristig Empathie zu erwecken vermögen, aber um den Preis der Aufrechterhaltung der Aufteilung zwischen Subjekten und Objekten des Blicks. Am Beispiel aktueller fotografischer bzw. künstlerischer Projekte beschäftig sich der Vortrag mit der Frage, wie Porträts ein Gegenüber im starken Sinne herstellen können und dabei der Markierung von Subjekten als Andere entgegentreten, ohne dabei auf überholte Konzepte wie einer „Family of Man“ zurückzugreifen. 

Tatjana Petzer (ZfL Berlin)

Das verschleierte Gesicht in Tradition, Kunst und Mode

Die westeuropäische Adaption orientalischer Schleier, textile Praktiken der Ent/Verhüllung in der Bildenden Kunst und nicht zuletzt die zeitgenössische Performance- und Modeszene, die den Gesichtsschleier wieder- und neu entdeckt, sind unmittelbar mit kultur- und religionsgeschichtlichen Aspekten traditioneller Verschleierungsformen verschränkt. Der Vortrag hebt ab auf die Stofflichkeit, die symbolische Bedeutung und performative Kraft eines Kleidungsstücks, das bis heute als Medium des Übergangs zwischen Öffentlichkeit und Privatheit, Sakralem und Profanem, Tabuisierung und Erotisierung changiert.

Jürgen Friedrichs

Mit dem Wort „Willkommenskultur“ sollte ein Signal gesetzt werden, den Flüchtlingen zu helfen und ihnen beizustehen. Das ist weitgehend gelungen, wenn man allein die hohe Zahl der bis heute ehrenamtlich Tätigen heranzieht. 

Die Integration der Flüchtlinge ist jedoch ein jahrelanger Prozess; deshalb stellt sich die Frage, unter welchen Bedingungen Flüchtlinge akzeptiert werden. Dazu berichte ich Ergebnisse aus drei laufenden Forschungsprojekten mit Befragungen von Anwohnern in Wohngebieten mit Flüchtlingsunterkünften und Flüchtlingen selbst.

Wie sich zeigt, hängt die Akzeptanz von dem Grund der Flucht, den Kontakten zu Flüchtlingen oder Migranten und vor allem dem Ausmaß der wahrgenommenen Bedrohung durch die Flüchtlinge ab. Dabei hängen die Einstellungen zu Flüchtlingen mit denen zum Islam zusammen. 

Marianne Leuzinger-Bohleber

Der Fremde eignet sich bekanntlich als Projektionsfläche, auf den Unerträgliches, Tabuisiertes und Abgespaltenes gerichtet werden kann. Darüber hinaus weisen neuere psychoanalytische Arbeiten darauf hin, dass in der Begegnung mit dem „Gesicht des Anderen“ immer auch ubiquitäre unbewusste Phantasiesysteme aktiviert werden. So bedroht der/die Fremde das Phantasma der Reinheit, eine Verschmelzungsphantasie mit dem Primärobjekt, die nationalistischen Vorstellungen zugrunde liegt. Eine weitere archaische Phantasie beruht auf dem frühen Geschwisterneid: Der Fremde wird als gefräßiger, gieriger Eindringling erlebt, der Arbeitsplätze, Wohlstand und Sozialsysteme an sich reißt und »den Deutschen aussaugt«. Ihm werden unbewusst das eigene Scheitern, der Verlust des Arbeitsplatzes, die Armut zugeschrieben. Ein weiterer Grund für die ambivalente Reaktion auf manche Gruppen von Fremden, besonders auf Geflüchtete, mag darin liegen, dass Kriegsflüchtlinge darüber hinaus unbewusste Assoziationen zum  Thema „Trauma“ wecken, d.h. mit extremen Erfahrungen, die das Selbst Todesangst, Hilflosigkeit und Ohnmacht aussetzen. Wie anhand von Erfahrungen im Pilotprojekt STEP-BY-STEP zur Unterstützung von Geflüchteten in der Erstaufnahmeeinrichtung „ Michaelisdorf“ in Darmstadt diskutiert werden soll, muss diesem Impuls  gegengesteuert werden, um sich traumatisierten Flüchtlingen und Migranten empathisch zuwenden zu können.