Blick in den ersten Raum der Ausstellung Sprache mit transparenten Vorhängen und Medienstationen zum Thema Spracherwerb. Unter den Vorhängen sind weiße runde Teppiche und weiße Tische mit kleinen Vitrinen. Der Raum ist dunkel.

Ausstellungsräume

Homo Loquens. Zur Sprache kommen

Homo loquens ist die lateinische Bezeichnung für den sprechenden Menschen. Die Fähigkeit, zu sprechen – per Laut oder Gebärde – gehört zu den zentralen Merkmalen unseres Menschseins. Sie ist auch eine der rätselhaftesten, denn von ihrer Entstehung existieren keine handfesten Spuren. Das Bestreben, die Wurzeln der Sprache zu ergründen, beschäftigt die Menschheit seit jeher. In den Mythen zum Ursprung der Sprache erscheint unsere Fähigkeit zu sprechen in vielen Kulturen als gottgegeben. Seit dem Aufkommen der modernen Wissenschaften wird sie als biologisches und kulturelles Phänomen systematisch unter die Lupe genommen. Auch wenn wir wohl niemals genau wissen werden, wann, wo und wie wir zu den Worten kamen, können Forschungen aus zahlreichen Disziplinen die komplexen biologischen und sozio-kulturellen Geflechte im Prozess der Sprachaneignung beleuchten. 

Denkbewegungen. Von Sinn und Sinnlichkeit unserer Sprache

Sprache ist ein fundamentales Element unseres Denkens. Mit ihr geben wir unseren Gedanken eine erkennbare und mitteilbare Form. Sprache ist dabei stets in Raum und Zeit eingebettet. Denn sinnstiftendes Denken, Sprechen und die sinnliche Wahrnehmung der Welt sind untrennbar miteinander verbunden. In der Verknüpfung von Abstraktem und Konkretem spielen Sprachbilder eine große Rolle. So dienen metaphorische Redeweisen wie „Es liegt auf der Hand“ oder “etwas ins Auge fassen“ besonders der Veranschaulichung. 

Die Schrift verleiht dem Denken eine sichtbare, materielle Form. Sie löst die Sprache vom Sprecher, von Stimme, Gestik und Blick, von Gehör und Berührung. Schriftsprache hilft uns, Ordnungen zu schaffen und unser Denken zu strukturieren. Sie eröffnet ganz neue Möglichkeiten der Überlieferung. Dem Spiel mit der Sprache und der Möglichkeit, sie zu formen und immer wieder neue Gedankenwelten zu erschließen, sind keine Grenzen gesetzt. Im Lesen weckt Sprache Erinnerungen und regt die Fantasie an. 

REDEHANDWERK. ZUR MACHT UND MAGIE DER SPRACHE

Unsere Fähigkeit zur Kommunikation ermöglicht uns, Erwartungen, Botschaften, Wünsche und Gefühle mitzuteilen und zu verstehen. Dabei nutzen wir die Sprache nicht nur zur Beschreibung der Welt. Wir setzen sie auch gezielt als Machtinstrument ein, um Einfluss zu nehmen und unser Umfeld aktiv zu verändern. Dies gilt im Großen wie im Kleinen, in der Politik wie auch im Privaten. In welchem Rahmen und mit welchen Worten wir miteinander kommunizieren, verrät viel über unsere Werte, unsere Empfindungen, unsere Ansichten und Absichten. Unser Sprachhandeln in alltäglichen und besonderen, in individuellen und öffentlichen Redesituationen ist untrennbar mit unserem Körper und unserer Umwelt verbunden. Im Zusammenspiel von gelebten Praktiken und sprachlichen wie körperlichen Ausdrucksmöglichkeiten dient es als Bindeglied zwischen Einzelnem und Gesellschaft. 

SPRACHHEIMAT(EN). VON ZUGEHÖRIGKEIT UND SELBSTBESTIMMUNG

Von klein auf ist jeder Einzelne von uns in Sprachgemeinschaften eingebunden. Sprache bildet daher eine wesentliche Grundlage unseres persönlichen Selbstverständnisses. Zugleich dient sie als soziales, kulturelles und politisches Mittel zur Schaffung gesellschaftlicher Zugehörigkeit. Sprachgepflogenheiten können Gefühle von Vertrautheit und Verbundenheit, aber auch der Ausgrenzung und Fremdheit hervorrufen. Denn nicht selten sind sie Teil machtpolitischer Prozesse oder werden als Stereotypen wahrgenommen. Häufig werden sie mit der Ordnung von Geschlechtern, den Ausprägungen sozialer Schichten oder regionalen und nationalen Eigenheiten in Verbindung gebracht.

So tiefgreifend die Sprachtraditionen mit unserer individuellen und kollektiven Identität verwoben sind, so selbstverständlich ist ihr Wandel. Die Dynamik von kulturellen Begegnungen, politischen Überzeugungen und technischen Neuerungen wirkt auf die Sprache ein und verändert sie. Diese Tatsache kann verunsichern und dazu führen, dass sie für ideologische Zwecke instrumentalisiert wird. Die große Herausforderung eines jeden Sprachhandelns ist es, im gesellschaftlichen Konsens eine Balance zwischen Bewahrung und Innovation, zwischen Zugehörigkeit und Selbstbestimmung zu finden