Plakatmotiv zur Ausstellung. Im rechten Drittel des Bildes ist ein hyperrealistisch, perfekt anmutendes Frauengesicht mit blauen Augen und leicht geöffneten Lippen zu sehen. Die Figur blickt schräge von oben herab. Links daneben pinker Hintergrund auf dem der Ausstellungstitel in weißer Schrift steht.

Das Gesicht

Eine Spurensuche
19. Aug 2017 - 25. Feb 2018

Eine Sonderausstellung des Deutschen Hygiene-Museums

Punkt, Punkt, Komma, Strich – sonst nichts?

Konzept / Beratung: Prof. Dr. Sigrid Weigel, Literatur- und Kulturwissenschaftlerin, Berlin
Kuratorin / Projektleitung: Kathrin Meyer, Deutsches Hygiene-Museum
Gestaltung: Studio Neue Museen, Halle/Berlin

Gesichter sehen wir Tag für Tag. Oft begegnen wir ihnen von Angesicht zu Angesicht. Doch nicht nur das: Ständig blicken sie  uns an – als Porträts Prominenter aus Illustrierten und von Bildschirmen, als Selfies im Internet, von Plakaten oder Gemälden. Unzählige Kameras und Datenbanken speichern Bilder von Gesichtern. Wie verändert diese mediale Allgegenwart unser Verhältnis zum Gesicht selbst? Welchen Einfluss hat das auf unser Selbstbild und unsere Kommunikation? Solchen Fragen widmet sich die Ausstellung.

Die meisten Begegnungen beginnen mit einem Blick in das Gesicht unseres Gegenübers. Daraus entsteht der erste Eindruck, den wir uns von einer Person machen. Häufig bewerten wir Menschen sogar nach ihrem Gesicht oder ordnen sie einer sozialen Gruppe zu. Warum aber sind wir so sicher bei unserer Einschätzung, ob jemand freundlich oder arrogant aussieht? Und: Was lesen die anderen aus meinem eigenen Gesicht ab?

Für sein Gesicht kann man nichts, so heißt es. Denn es ist ein Teil unseres Körpers, der uns von der Natur gegeben ist. Doch dabei belassen wir es nicht: Täglich bearbeiten wir unser Gesicht vor dem Spiegel mit Make-up, Pinzette oder Rasierapparat. Welchen Vorstellungen von uns selbst folgen wir dabei, welchen gesellschaftlichen Normen und Moden? Und wird unser Gesicht erst vollständig, wenn wir es den Blicken anderer aussetzen?

Mit faszinierenden Objekten aus Kunst, Kulturgeschichte und Wissenschaft begibt sich die Sonderausstellung auf eine Spurensuche nach dem Gesicht und seinen Bedeutungen.

KÜNSTLERINNEN & KÜNSTLER

Christoph Amberger, Marta dell’Angelo, Brassaï, Thorsten Brinkmann, Broomberg & Chanarin, Claude Cahun, Chuck Close, Kate Cooper, Sterling Crispin, Hilde Doepp und Charlotte Rudolph, Moritz Fehr, Marc Garanger, Bruce Gilden, Asta Gröting, F.C. Gundlach, Gottfried Helnwein, Rudolf Herz, Peter Hujar, Peter Keetman, Jens Klein, Jan Kříženecký, Martin Langhorst, Robert Lebeck, Helmar Lerski, Jasper van Loenen, Elfriede Lohse-Wächtler, Robert Longo, George Maciunas, Ana Mendieta, Franz Xaver Messerschmidt, Paul Mobley, Zanele Muholi, Martin Munkácsi, Marcel Odenbach, Zaher Omareen und Ibrahim Fakhri, Joanna Rajkowska, Matt Willey und Giles Revell, Nous Sommes Bobby Watson, Leonardo Selvaggio, Cindy Sherman, Shinseungback Kimyonghun, Taryn Simon, Studio Braun, Ivonne Thein, Moritz Wehrmann und Andy Warhol

Ausstellungskapitel

Das Gesicht als Gestalt

Der Blick ins Angesicht steht am Anfang der meisten persönlichen Begegnungen. Er prägt den Eindruck, den wir uns von einer Person machen; es ist häufig das Gesicht, über das wir Menschen beurteilen oder einer Gruppe zuordnen.

Die unendliche Vielfalt der Gesichter beruht einerseits auf naturgegebenen Unterschieden und lebenslangen Veränderungen; sie ist aber auch das Ergebnis aktiver Gestaltung, mit der wir unserer Persönlichkeit ein „Gesicht“ verleihen möchten. Unsere körperliche Gestalt prägt unser Aussehen ebenso wie kulturelle Konventionen, wechselnde Schönheitsideale und Moden.

Solche Normen und Moden sind bewusst oder unbewusst im Spiel, wenn das individuelle Gesicht in der täglichen Arbeit vor dem Spiegel immer wieder neu „gemacht“ wird. Pflegestoffe und Kosmetika sind seit der Antike im Gebrauch; heute werden sie von der Kosmetikindustrie massenhaft verbreitet. Doch mit der plastischen Chirurgie haben sich die Möglichkeiten, in die individuelle Gestalt einzugreifen, radikal erweitert.



Mimik und Ausdruck

Das Mienenspiel ist, neben Stimme und Körpersprache, wichtigstes Medium der Kommunikation. Menschen besitzen eine erstaunliche Fähigkeit, den Gesichtsausdruck der anderen intuitiv und unwillkürlich zu lesen. Aber nicht immer verstehen wir ihre Mimik, und manche Regungen bleiben rätselhaft.
Das variationsreiche und vieldeutige Mienenspiel erlernen wir, noch bevor wir sprechen lernen. In der frühkindlichen mimischen Interaktion mit unseren Bezugspersonen erwerben wir diese Fähigkeit, die uns zugleich zu gefühlsbegabten Individuen macht.

Die Psychologie, aber auch die Werbeindustrie versuchen, über die Mimik Zugang zu unseren Gefühlen zu finden. Seit langem arbeiten Wissenschaftler an einem Code, in dem sie das Mienenspiel als Zeichen einzelner Emotionen interpretieren. Dazu werden unter Laborbedingungen Gesichtsausdrücke nachgeahmt, aufgezeichnet, vermessen und die Daten ausgewertet. Heute übernehmen Computerprogramme diese Arbeit, und es gibt Software und Apps, die Gefühlserkennung - Emotion Detection - für jedermann versprechen. Doch, lassen sich unsere Gefühle über die Mimik eindeutig identifizieren? Und lässt sich die Vielfalt unserer Mimik auf ein Zeichensystem reduzieren?

Punkt – Punkt – Komma – Strich

Wir sehen überall Gesichter, - selbst und gerade dort, wo gar keine sind: an Häuserwänden, auf Böden, in Wolkenformationen und in unterschiedlichsten Dingen des Alltags. Wenige Anhaltspunkte genügen uns, um darin Augen, Nase und Mund zu erkennen. Aus bloßen Mustern formt sich das Bild eines Angesichts. Genau umgekehrt verfahren die Techniken der Gesichtserkennung; sie lösen menschliche Gesichter in Datenmuster auf, um sie erfassen und identifizieren zu können.

Seit dem 19. Jahrhundert setzen polizeiliche Methoden auf die Sichtbarkeit des menschlichen Gesichts als Mittel der Identifikation. Für die Archive der staatlichen Verwaltung und die Überwachung durch Geheimdienste ist das fotografische Porträt zu einem begehrten Objekt geworden. Und die Kriminalistik zerlegt das Gesicht in einzelne Bestandteile, um eine Person auch über die Gestalt von Ohr, Nase oder Mund erkennen zu können. Heute drängt die elektronische Gesichtserkennung zunehmend in den Alltag und breitet sich an immer mehr Orten des öffentlichen Raums aus: in Bahnhöfen und Flughäfen, in Warenhäusern, auf Straßen und Plätzen.

Das Gesicht als Bildnis

Das Porträt – oder Bildnis – hält die äußere Erscheinung und die Gesichtszüge einer Person fest. Es will aber immer auch mehr und anderes zeigen: den Charakter, die gesellschaftliche Stellung oder ein Ideal. Zum Bild geworden, führt das Gesicht ein Eigenleben; es wird angeschaut und gedeutet, gerät an andere Orte, vor fremde Augen und in ferne Zeiten. Auch wenn uns Jahrhunderte von ihnen trennen, scheint es manchmal dennoch so, als könnten wir den Abgebildeten noch unmittelbar in die Augen schauen.

Die Geschichte der Bildnisse spiegelt die sich wandelnden Vorstellungen vom Menschen. So entstand die Idee der individuellen Persönlichkeit zusammen mit der Porträtmalerei in der Renaissance. Darstellungen von Gesichtern sind auch Produkte ritueller und künstlerischer, technischer und medialer Herstellungsverfahren.

Das Bildnis ist eine der traditionsreichsten Formen, ein öffentliches Image zu erschaffen und zu verbreiten. Portraits können aber auch die Vielgestaltigkeit und Wandelbarkeit des Gesichts vorführen. Seit der Erfindung der Fotografie kann jeder ein Bild von sich machen, vervielfältigen und verbreiten. Wie stark prägt die mediale Entwicklung die Art und Weise, wie wir uns im Bild präsentieren? Wie wir auf Gesichter blicken und mit ihnen umgehen?


Führungen & Bildungsangebote

Angebote für Schulklassen

Details

Buchbare & Öffentliche Führungen

Führungen können über unseren Besucherservice (Tel. 0351 / 4846 400) gebucht werden - bei Bedarf auch in verschiedenen Fremdsprachen, in Deutscher Gebärdensprache oder in Leichter Sprache.

Immer sonntags um 16 Uhr findet eine öffentliche Führung durch die Ausstellung statt. Die Termine finden Sie HIER in der Übersicht.

Veranstaltungen

Die fünf Mitglieder der Lesebühne Sax Royal in lässiger Pose vor dem Museumsportal.
Literatur
Di. 22. Aug, 20:00 Uhr

Sax Royal: Gesichter

Die Dresdner Lesebühne zu Gast im Deutschen Hygiene-Museum

Details
Laurie Penny mit dunkler Lederjacke vor einer Ziegelsteinwand mit Graffiti-Tags. Die rebellisch wirkende Autorin trägt dunkelrot gefärbtes halblanges Haar, das ihr in die Stirn fällt. Sie blickt nach oben.
Literatur
Di. 19. Sep, 19:00 Uhr

Laurie Penny

Lesung und Gespräch (in englischer Sprache)

Details
Schriftzug des Veranstaltungstitels in weißem Kreis auf dunkelritem Hintergrund
Symposium
Mi. 4. Okt, 13:30 Uhr

Das Gesicht des Anderen / Das Gesicht der Anderen

Kultur und Politik der Empathie im 21. Jahrhundert

Details
Schriftzug des Veranstaltungstitels in weißem Kreis auf dunkelritem Hintergrund
Symposium
Do. 5. Okt, 9:00 Uhr

Das Gesicht des Anderen / Das Gesicht der Anderen

Kultur und Politik der Empathie im 21. Jahrhundert

Details

Dein Gesicht in "Das Gesicht"

ZEIGT HER EURE SELFIES UND WERDET TEIL DER AUSSTELLUNG

Ab dem 19. August dreht sich bei uns alles um das Gesicht. Wir begeben uns auf eine Spurensuche nach echten Begegnungen, oberflächlichen Eindrücken, mimischen Ausdrücken, Erkennungstechnik und der Faszination des Individuellen.

Und wir wollen auch, dass DEIN Gesicht dabei ist! Schickt uns eure Lieblings-Selfies unter Angabe eurer Postanschrift an: Projekt.Gesichter@dhmd.de - damit erklärt ihr euch gleichzeitig einverstanden, dass wir das Bild in der Ausstellung zeigen dürfen.

Ihr habt nicht nur die Möglichkeit, mit eurem Bild in unserer Ausstellung verewigt zu werden, sondern auch eine von zehn Partnerjahreskarten zu gewinnen. Die Gewinner werden nach Ausstellungsende unter allen Teilnehmer*innen ausgelost. Es geht also nicht um den rundesten Schmollmund oder das schnutigste Duckface, sondern einzig und allein um den Spaß - und so wie auf dem Bild rechts könnte das aussehen!  

Voraussetzung für die Teilnahme ist ein Mindestalter von 18 Jahren.

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